Geburt Nr. 1, Angst vor Nr. 2

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In den letzten Wochen der ersten Schwangerschaft hatte ich richtige Panik, dass ich alleine bei der Geburt sein werde, da mein Mann als Musiker nicht einfach von der Bildfläche einer Veranstaltung verschwinden kann. Würde er bei der Geburt nicht dabei sein, würde ich ziemlich alt aussehen, denn in unserem Krankenhaus gibt es keine vorher auserkorenen Beleghebammen und die Hebammen, die zur Verfügung stehen, leiden unter chronischem Zeitmangel. Rostock gehört mit zu den größten Geburtskliniken Deutschlands, dementsprechend ist dort immer Betrieb und häufig keine Zeit, um als Hebamme stundenlang an der Seite der Frauen zu weilen und mit zu hecheln.

Nachdem wir nun 40 Wochen auf unser erstes Kind warteten, verstrich Tag um Tag nach dem errechneten Termin und es passierte: nichts. Am Wochenende durfte ich dann zum CTG in den Kreißsaal und bin leicht traumatisiert wieder raus, durfte ich doch akustisch schon mal einer Geburt beiwohnen. Eine Woche nach dem Termin kamen meine Eltern zur seelischen Unterstützung. Meine Mama kochte eines meiner Lieblingsgerichte und goss dazu ein kleines Glas Rotwein ein, anschließend wurde mir ein heißes Bad verordnet. Nachdem mein Mann um 2 Uhr nachts von der Arbeit kam, begannen kurze Zeit später die Wehen. Er war wohl gerade eingeschlafen, als ich zu pusten begann. Auf seine Nachfrage, was los sei, antwortete ich, dass er weiterschlafen solle, schließlich würden wir heute Eltern. Das war’s dann auch mit seinem Schlaf und wir zählten die Minuten zwischen den Wehen. Rasch wurden es immer weniger und wir wollten uns leise durchs Gästezimmer ins Krankenhaus schleichen. Da hatten wir die Rechnung ohne meine Mama gemacht (mein Papa hat einen gesegneten Schlaf), die sofort hochschreckte und von der Sekunde an mitlitt. Arme Mama. So hatte ich mir das nicht für sie gewünscht. Wir blieben noch, bis meine Eltern meinem Mann ein Lunchpaket fertig gemacht hatten, konnte ja schließlich ein langer Tag werden. Derweil wurde mir der Rücken liebevoll massiert, was dem Schmerz jedoch keinen Einhalt gebot. Auf der Treppe drehte ich mich zum Abschied noch einmal zu meiner Mama um und fragte, ob es noch schlimmer werden würde… sie weinte nur. Ich hatte fast von der ersten Wehe an Rückenwehen, ein Gefühl, für das sich mir eine Metapher ins Hirn gebrannt hat – es war wie eine Axt in den Rücken gehauen zu bekommen,… immer und immer wieder (das muss jetzt niemandem Angst machen, empfindet ja schließlich jeder die Schmerzen anders). Die Wehen waren schon zuhause nur mit 1-1/2 minütigen Pausen und die Autofahrt Gott sei Dank kurz. Um 6:30 Uhr kamen wir im Krankenhaus an und um 11:30 wurde unser Töchterchen geboren. Was in diesen 5 Stunden alles so passiert ist, möchte ich gar nicht genauer beschreiben, denn im Internet gibt es genügend detaillierte Geburtsberichte, mit denen man sich alles bildlich vorstellen kann. Nur soviel, es war so, wie eine Geburt gerne sein darf, ohne Komplikationen und mögliche Eingriffe.

Und genau deswegen hörte ich danach meistens: „Das ging ja schnell“, „Hast du ein Glück“, „Mensch, besser geht’s doch gar nicht“, „Kurz ist doch besser als so lang“, „Dann war es ja nicht so schlimm“ und ich dachte nur jedes Mal: „Wie bitte?????“. Ich konnte es nicht glauben, das soll nun schon das Gelbe vom Ei gewesen sein? Auch wenn ich mich nicht mehr an Einzelheiten erinnere, so habe ich noch immer genau dieses Axt-Bild im Kopf. Das soll nicht heißen, dass ich nicht unendlich dankbar dafür bin, dass die Geburt komplikationslos war. Man hört ja so Einiges und ich weiß, dass eine Spontangeburt ohne Komplikationen leider nicht jeder Frau vergönnt ist…aber dieser Schmerz ohne wirkliche Pausen.

Als ich dann in dieser Schwangerschaft anfing,  über die Geburt nachzudenken, dachte ich ziemlich schnell an einen Wunschkaiserschnitt und freundete mich mehr und mehr mit diesem Gedanken an, las im Internet, unterhielt mich mit Frauen, die einen Kaiserschnitt hatten und sprach mit meiner Frauenärztin und Hebamme. Das war auf jeden Fall eine äußerst interessante Zeit, denn Verständnis kam eigentlich nur von meinem Mann, meiner Mama und meiner Oma, Akzeptanz von der Frauenärztin und Hebamme und einigen Freundinnen und gleichzeitig genauso viel Unverständnis für diese Entscheidung von Freunden und Bekannten. Mit allzu vielen wollte ich darüber eigentlich gar nicht sprechen, aber es passierte eben doch (ich bin einfach ein Schnatterinchen) und ich musste mich rechtfertigen. Irgendwann begann ich sogar zu hoffen, dass unser zweites Kind falsch herum liegen würde und ich zwangsweise einen Kaiserschnitt bekommen könnte, nur, um mich nicht mehr erklären zu müssen (obwohl es vielleicht ja auch noch Befürworter für die äußere Wendung gibt). Ich wollte es wirklich, akzeptierte, dass ich danach außer Gefecht gesetzt sein würde, eine Narbe davontrage und nahm auch die möglichen Komplikationen und Nachwirkungen eines Kaiserschnitts hin. Alles nur, um  keine natürliche Geburt durchstehen zu müssen, bei der auch einiges schief laufen kann – davon muss ich wohl nicht erst anfangen und wenn mir jetzt einer was von Anpassungsstörungen und Stillschwierigkeiten erzählt, kenne ich genügend Fälle, wo es auch bei einer normalen Geburt zu einigen Startschwierigkeiten kam. Außerdem ist so ein Kaiserschnitt planbar und auch, wenn gerade das viele nicht verstehen können – es macht mir einfach Angst, dass ich vielleicht alleine mit unserer 3-jährigen Tochter zuhause bin und die Geburt losgeht. Weder haben wir unsere Eltern in unmittelbarer Nähe, noch steht eine Freundin immer sofort zur Stelle, um mich in den Kreißsaal zu fahren und zeitgleich jemand, um die Kinderbetreuung zu übernehmen. Das möchte ich so alles auch gar nicht, ich möchte gerne meinen Mann dabei haben und ihm nicht später von der Geburt erzählen müssen (als würde man sich so genau erinnern). Ich will in diesen Stunden nicht alleine sein und ich will die ersten Momente mit unserem Kind nicht mit der Ärztin und der Hebamme teilen, nein, will ich alles nicht. Und genau deswegen verstehe ich Frauen, die ihre Geburt gerne geplant wissen.

Natürlich kann das Baby sich trotzdem früher ankündigen oder alles anders kommen, aber es kann auch alles klappen und man legt sich freiwillig auf den OP-Tisch (wo zumindest aus meinem Umfeld auch einige Frauen trotz beginnender normaler Geburt hinmussten, weil es eben zu Komplikationen kam).

ABER, es kam jetzt erst einmal doch anders. Ich habe eine Weile nicht mehr darüber gesprochen und auch gar nicht viel über die Geburt nachgedacht und irgendwann kam das Gefühl in mir hoch, dass ich das schaffen kann, weil es eben zu schaffen ist, weil ich es schon einmal geschafft habe und irgendwie auch wieder (ohne Kaiserschnitt) schaffen will. Und deswegen warte ich nun ab und hoffe, dass das alles schon wird. Meine Nachbarn haben sich bereit erklärt, Frieda egal zu welcher Tages- oder Nachtzeit, zu übernehmen. Ich habe einige Freundinnen, die auf jeden Fall gerne mitkommen würden in den Kreißsaal, ich kann den Notarzt anrufen, wenn ich hier nicht anders wegkomme und meine Eltern könnten innerhalb von zwei Stunden bei uns sein.

Und wenn das zweite Kind auch so lieb ist, wie das erste, dann wartet es ab, bis der Papa von der Arbeit kommt. Hoffentlich.

 

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