Eine Woche // #hrohilft

Vor circa zwei Wochen bin ich bei Instagram auf den Blog von Lucie Marshall (hier) gestoßen und habe über ihr Engagement bei der Flüchtlingshilfe gelesen. Ich las, wie sie Flüchtlinge bei sich aufnahm und um Spenden bat. Ich fand immer mehr Beiträge anderer Blogger und war entsetzt über die Situation in Berlin am LaGeSo. Also sortierte ich Sachen aus. Letzten Endes hatten wir eine große Kiste mit ca. 30kg Kleidung zusammen und schickten diese nach Berlin. Währenddessen wurde ich auch auf „Kreuzberg hilft“ (hier) aufmerksam und besorgte, was auf der Bedarfsliste stand und schickte es ebenfalls nach Berlin. Die ganze Zeit hatte ich das Gefühl, nicht genug zu machen, denn Kleidung spenden wir immer mal wieder. Aber ich wohne nun einmal nicht in Berlin, also blieb nur das.

Während eines kurzen Urlaubes in München vor etwas mehr als einer Woche schickte mein Freund mir einen Link zu der Facebook Gruppe „Rostock hilft“ (hier). Ich war total perplex – wozu brauchte es denn in Rostock eine derartige Gruppe? Schnell sah ich, dass nun auch in Rostock Flüchtlinge ankamen, da sie von dort weiter nach Schweden wollen. Ich war aber in München und nicht ständig bei Facebook, also war ich nicht so richtig im Bilde, was sich in Rostock gerade abspielte. Auf dem Rückweg bekam ich eine Anfrage bezüglich ein paar IKEA Kisten, die ich bei Ebay online gestellt habe und die man für ein Spendenlager benötigen würde. Innerhalb kurzer Zeit gab es auch in Rostock eine riesige Spendenbereitschaft und es mussten ein neues Lager und Aufbewahrungskisten her. Ich versprach, diese am nächsten Tag vorbei zu bringen. Also fuhr ich am letzten Mittwoch mit den Kisten, Kleidung meiner Eltern und Spielzeug zum Unigebäude, in dem nun auch Spenden gesammelt und von wo aus alles koordiniert wurde. Es war ein Gewusel und Gearbeite, zig Räume gefüllt mit Spenden aller Art, alles sortiert, beschriftet, mit Lageplänen versehen. Eine enorme logistische Leistung. Ich fragte, ob Hilfe benötigt wird und wurde gebeten meine Spenden einzusortieren. Während ich das tat, kam eine Kommilitonin von mir und bat um Tüten und Taschen, die sie zum Hauptbahnhof mitnehmen möchte. Ich war mit dem Auto da und bot an, ihr beim Transport zu helfen. Wir packten das Auto randvoll und fuhren los. Auf der Fahrt erklärte sie mir, wie alles abläuft. Sie war in den letzten Tagen immer am Hbf. und hat dort mit anderen Freiwilligen die Flüchtlinge aus Hamburg und Berlin in Empfang genommen. Sie erhalten dort Kleidung, Essen und Trinken und werden dann entweder zur Fähre oder zu den Unterkünften gebracht.

Angekommen, waren wir zwei von vielen Helfern, Flüchtlinge wurden erwartet, so wie alle zwei Stunden. Wir schnappten uns ein paar Männer und trugen die Spenden in den Bahnhof, wir fragten, was gebraucht wird und fuhren wieder los. Am Unigebäude suchten wir nach dicken Frauen- und Männerjacken, packten alles samt Wasserflaschen ins Auto und fuhren wieder zum Bahnhof. Dort warteten wieder einige Freiwillige und halfen uns beim Tragen. Wir konnten die Spenden gerade noch zur Sammelstelle bringen, da kam auch schon der Zug mit den Flüchtlingen. Um nicht tatenlos herum zu stehen, schnappte ich mir ein paar Wasserflaschen und Bananen, um sie den Menschen in die Hand zu drücken. Als ich dann in der Realität sah, wovon ich bisher nur hörte und einiges im Fernsehen sah, war ich emotional überwältigt und musste mich kurz verstecken, um die aufkommenden Tränen unter Kontrolle zu bringen. Nachdem die Menschen weiter fuhren, ging es für uns wieder ins Lager, wo wir erneut das Auto mit Wasser und Kleidung vollluden. Nach dieser Fahrt blieben wir am Bahnhof und sortierten die Spenden, bevor der nächste Zug kam. Wir blieben bis in die Nacht hinein, konnten uns nicht loseisen, halfen, warteten, halfen, unterhielten uns, spielten mit den Kindern der Geflüchteten. Zwei kleine Mädchen und Jungs waren darunter. Sie waren sehr zutraulich und mich bedrückte die Frage, was sie wohl in ihren jungen Jahren schon erlebt haben. Zwei Tage später war ich wieder am Bahnhof. Ich fuhr unter anderem als Begleitung mit zu der Unterkunft und traf dort die Kinder von Mittwoch wieder. Sie konnten mittlerweile etwas schlafen und waren ausgelassen. Ich freute mich, sie wiederzusehen und wir spielten, bis ich wieder losfuhr.

Am Sonntag entschied ich mich zum ersten Mal dazu, eine Nachtschicht am Bahnhof zu übernehmen, schlichtweg, weil ich zu keiner anderen Schicht Zeit hatte, da ich ja Frieda schlecht dort mit hinnehmen kann. Die Schicht begann um 22 Uhr. Bis der nächste Zug kam, sortierten wir die Kleidung, ich saß ewig an der Spielzeugkiste und sortierte dreckiges und kaputtes Spielzeug aus. Mal kamen viele Menschen, mal wenige, doch meist waren Babys und Kleinkinder unter den Schutzsuchenden. Jedes Mal versuchte ich, Kleidung für die Kinder heraus zu suchen, sie ihren Eltern abzunehmen, damit diese in Ruhe etwas essen oder nach Kleidung suchen können.

Seither war ich jede Nacht dort. In der Nachtschicht von 22:00 Uhr bis 02:00 Uhr sehe ich mittlerweile immer wieder mir in so kurzer Zeit sehr lieb gewordene Menschen. Jede Nacht ist anders, die Konstanten sind die Helfer und unsere Aufgaben.

Ich habe in einer Woche so viel erlebt, wie selten in so kurzer Zeit. Ich habe verzweifelte Menschen getroffen, die Angehörige auf der Flucht verloren haben. Ich habe Kinder ohne ihre Eltern gesehen. Ich habe Babys auf dem Arm gehabt, die, kaum auf der Welt, schon viel zu viel miterleben mussten. Ich habe gemalte Bilder von Kindern gesehen, die wahrscheinlich jedem Psychologen Arbeit für unbestimmte Zeit geben würden. Ich wurde von Menschen aus Dankbarkeit geküsst. Ich habe Menschen mit dem Auto zu Unterkünften gebracht und danach fassunglos vor meinem Kofferraum gestanden, der alles Hab und Gut einer ganzen Familie fassen konnte, während der Platz für einen Tagesausflug mit Frieda oftmals kaum auszureichen scheint. Ich habe in so unfassbar müde Gesichter gesehen. Ich habe Familien getroffen, die lieber mitten in der Nacht mit ihrem Baby in der Kälte warten, als getrennt voneinander zur Unterkunft zu fahren, aus Angst, sie könnten sich nicht wiederfinden. Ich stand morgens um 3Uhr an einem überfüllten Bus und habe mit anderen Helfern versucht, Familien mit Kindern unter zig Flüchtlingen ausfindig zu machen, um diese zuerst zur Unterkunft bringen zu können. Ich habe eine verzweifelte Frau mit Baby getröstet und ihr gesagt, dass sie ihren Mann bestimmt wiederfinden wird und sie nicht am Bahnhof auf ihn stundenlang warten kann. Ich habe einen Tag später Tränen in den Augen gehabt, als man mir sagte, dass sie ihren Mann am Morgen wiederfand. Dabei habe ich eine Gruppe von Freiwilligen besonders zu schätzen gelernt – die Dolmetscher. Sie sind eine wahnsinnig große Hilfe, werden meist an 10 Stellen gleichzeitig gebraucht und müssen oft viel mehr Stunden vor Ort bleiben, weil sie die einzigen sind, die den Menschen nach dem Ankommen etwas Angst nehmen können und ihnen bei allen Fragen versuchen, weiter zu helfen. Ich habe Freiwillige getroffen, die mir binnen weniger Tage sehr ans Herz gewachsen sind und die mit ein Grund dafür sind, warum es mir ein Bedürfnis ist, wieder zum Bahnhof zu fahren. Ich habe in einer Woche immer wieder Situationen erlebt, die mich gerade als Mutter eines kleinen Kindes sehr berührt und besorgt haben.

Nach einer Woche wie dieser stelle ich mir immer wieder die Frage, was und vor allem wie viel eigentlich wichtig ist. Diese Schutz suchenden Menschen haben nur sich und jene, mit denen sie geflohen sind. Sie besitzen wenig oder gar nichts mehr, das Wenige passt bei fast allen in einen kleinen Rucksack. Während wir also 30kg Kleidung übrig hatten und sich das Unigebäude mit Spenden füllte, nicht nur ein Zeichen der Hilfsbereitschaft und Anteilnahme, sondern auch ein Symbol für den Überfluss in unserem Leben, kamen alle zwei Stunden Menschen in Rostock an, die gar nichts mehr hatten. Die Wenigsten haben den letzten Krieg in Deutschland noch am eigenen Leib erleben müssen. Wir leben hier in Frieden. Wir sind nicht gezwungen, unsere Besitztümer und auch unsere Lieben zu verlassen, um ein Leben in Sicherheit führen zu können. Wir müssen keine Angst vor dem Tod durch kriegerische Angriffe haben. Nein, wir können sogar deutschen Auswanderern im Fernsehen dabei zusehen, wie sie sich ein neues Leben im Ausland versuchen aufzubauen, weil es Ihnen hier nicht mehr gefällt oder sie sich woanders ein besseres Leben erträumen und finden das auch noch unterhaltsam. Ist das nicht komisch?

Niemand gibt freiwillig alles auf, um in eine unbekannte Zukunft aufzubrechen, deren Weg sehr gefährlich ist!!

Mein Nervengerüst // ein Kartenhaus

Mit Anfang 20 war mir klar, dass ich besser heute als morgen ein Kind haben möchte. Ich war 24 Jahre alt, als dieser Wunsch wahr wurde. Im Vorfeld habe ich wenig Zeit darauf verwendet, mir Gedanken zu machen, was ich für eine Mama sein will. Liebevoll eben, das ist ja klar. Alles Andere würde sich dann schon fügen. Worüber ich mir aber schon lange vor meinem Kinderwunsch im Klaren war – mein Kind würde ich niemals schlagen. Anti-Gewalt-Plädoyers habe ich schon in der Grundschule gehalten und Gewalt gegen Kinder ist abscheulich, da bedarf es auch keiner Ausführungen an Gründen, warum dem so ist.

Als Frieda dann geboren wurde, empfand ich mich selbst als ruhig und besonnen, während mein Freund häufig bei der Schreierei verzweifelt ist. Erst recht, wenn ich nicht in Reichweite war. Umso älter sie wurde, desto mehr entwickelte sie einen eigenen Willen. Ist ja auch normal und soll so sein. Die erste schlimmere Phase war vor circa einem Jahr, kurz bevor wir in den Familienurlaub fuhren. Ich war verzweifelt, Frieda hat immerzu geweint, sich auf den Boden geschmissen (machen Kinder das nicht erst mit 3 Jahren?), rebelliert. Dabei war sie doch gerade mal anderthalb Jahre alt, eben noch ein kleines Baby, und doch schon eine Rebellin. Der Urlaub entspannte uns alle und die Rebellion fand ein Ende. Vorerst.

Abgesehen von ein paar Ausbrüchen hier und da, war Frieda bis zum Sommer diesen Jahres ein recht friedliches Kind. Ich habe sie gerne überall mit hingenommen, wenn wir an den Wochenenden allein sind, bin ich mit ihr los und wir hatten eine wirklich schöne Zeit. Dann CUT. Auf einmal wiederholten sich die Szenen vom Vorjahr, nur kam zu dem Zwergenaufstand auch noch eine lautstarke Zwergenmeinung hinzu und die lautete unentwegt: NEIN!! Egal, was man Frieda fragt, man bekommt ein kraftvolles NEIN!! Wenn man Glück hat, ändert sie ihre Meinung innerhalb weniger Sekunden. Wenn einem dieses Glück nicht zuteil wird, muss man sich sofort schlaue Erklärungen und Ablenkungen überlegen, um das Kind umzustimmen. Manchmal gelingt das. Manchmal hilft es auch, abzuwarten. Aber leider kann man nicht immer und überall warten, bis der Nachkömmling dann auch mal bereit ist einzuwilligen. Also wird gebrüllt, geschrien, fließen zahlreiche Tränen und wird sich krachend auf den Boden geschmissen. Mit Vorliebe passiert das im Treppenhaus, damit die Nachbarn alle etwas davon haben. Während ich mir schon eine neue Erklärung parat lege, was Frieda wohl gerade für ein Problem hat, schreit sie sich fest und denkt nicht ans Aufhören. Passieren diese Ausbrüche in den eigenen vier Wänden, schleppen wir Friedi oft in ihr Zimmer und hoffen, dass unsere Nachbarn nicht eines Tages auf die Idee kommen und das Jugendamt anrufen, weil sie vermuten, dass wir unserem Kind letzten Endes vielleicht doch Schlimmes antun. Und was machen wir, während unser Kind schreiend in ihrem Zimmer hockt? Wir werden auch wütend, verstehen nicht, was wir falsch gemacht haben – und was am Schlimmsten ist, verstehen sie nicht. Selbst in den vielen Jahren, in denen ich als Babysitterin gearbeitet habe und mich einige Kinder auch wahnsinnig gemacht haben, habe ich mich nicht so hilflos und nervlich am Ende gefühlt.

Nach kurzer Zeit steht dann meist ein völlig verheultes aber strahlendes Kind vor uns und erklärt: „Is hab geweint!“- Ach? Echt? Ist uns gar nicht aufgefallen.

Wenn wir von unserem kleinen Terror-Kind erzählen, dann glaubt uns das oft keiner, gerade unsere Eltern finden Frieda ausschließlich großartig, süß, herzallerliebst. Sobald wir woanders sind, ändert sich nämlich auch ihre Persönlichkeit, dann wird aus dem Meckerkopf ein wohlerzogenes und freundliches Kind. Auch im Kindergarten verstummt sie, spricht kaum und widerspricht nicht – bis wir sie abholen…

Aber es hilft ja alles Jammern nichts, es ist eben wieder eine Phase, deren Ende nicht absehbar ist. Sicher ist, dass sie für all ihre Wut nichts kann und uns bestimmt trotzdem ganz gern mag, auch wenn sie ihre Liebe während der Wutausbrüche nicht so gut zeigen kann. Ich habe heute Nacht in einem Blogeintrag gelesen, dass man sich ja mal auf die Stärken des Kindes und darauf, was es alles schon kann, konzentrieren sollte, um nicht immer nur das Negative zu sehen. Versuchen wir das mal, Stärken hat sie reichlich und können tut sie viel. Und nicht, dass das hier jemand falsch versteht – ich liebe meine Tochter von ganzem Herzen, sie ist das größte Glück für mich und daran ändert auch normales Kleinkindverhalten nichts.

Wie hat eine Freundin neulich so schön gesagt: nur gut erzogene Kinder rasten zuhause aus. Demnach haben wir, gemessen an der Anzahl und Intensität ihrer Ausbrüche, ein extrem wohlerzogenes Kind. Chapeau!!

davor // danach

Seit Beginn des Studiums bin ich 4x umgezogen, von Wohnung zu Wohnung blieb immer etwas Einrichtung auf der Strecke, kam etwas Neues hinzu, musste das Alte sich in das Neue einfügen. Zuletzt sind wir von einer Vier- in eine Drei-Raum-Wohnung gezogen. Das hatte zur Folge, dass alles, was zuvor im Arbeitszimmer stand, weg musste bzw. ins Schlafzimmer integriert wurde. Nun haben wir also einen Schrank voller Ordner im Schlafzimmer rumzustehen. Das hat mich sehr gestört. Vor Kurzem war ich dann bei einer Freundin. Ich muss bei ihr immer erst die Wohnung begehen, um zu sehen, was sie Neues gezaubert hat. Im Gegensatz zu mir muss sie nicht stundenlang auf Pinterest nach Ideen suchen, sondern näht aus dem Bauch heraus. Und da habe ich mir dann die Idee zu meinem just abgeschlossenen DIY-Projekt geholt – genähte Vorhänge für den ollen Ordner-Schrank. In Ermangelung an Entscheidungskraft für ‚den‘ richtigen Stoff, habe ich im IKEA-Sale einen ganz einfachen Stoff gekauft und diesen mit Stoffmalfarbe bedruckt. Die Seitenteile habe ich einfach nur umgenäht und mit Ösen versehen, sodass ich sie an Haken am Schrank anbringen konnte (bei einer anderen Freundin entdeckt). Unser Nachbar war so nett, mir den Vorhang anzubringen, samt eigens dafür entworfener Blende.

Ich bin eigentlich ganz zufrieden mit dem Ergebnis, man sieht auf jeden Fall keine Ordner mehr.